Wer heute noch meint, das Klima würde sich nicht infolge unseres Lebensstils nachhaltig ändern, der hat wohl nur noch ideologische Motive und Gründe dafür. Zwei Beispiele für die Folgen der für jeden spürbar sich steigernden Klimaveränderungen können auch aus unserer Kirchengemeinde berichtet werden: unsere Orgel und die Kirchenglocken sind betroffen.
Durch die trockenen und heißen Sommer der letzten Jahre verändern sich Holz, Metall und manche weiteren Materialien. Über Wochen lag die Temperatur in der Kirche in diesem Sommer bei gut 30° C und lediglich 30 % Luftfeuchtigkeit. Unserer Walcker-Orgel in der Schönberger Marienkirche von 1901 besitzt ein pneumatisches Spielwerk. Durch Luftdruck und -zug öffnen sich kleinste Ventile für jede Pfeife und jeden Ton. Diese Ventile im Spieltisch funktionieren mit einer kleinen Ledermembran. Durch die Veränderung von Luftfeuchtigkeit und Temperatur im gesamten Jahresmittel in Schönberg, an der Bergstraße und im ganzen Land reißen die kleinen Ledermembranen leider ein. Es kommt zu Undichtigkeiten, Töne fallen dann aus. Nach einer Bestandsaufnahme des Schadens konnte kurzfristig eine erste Reparatur durch den Orgel- und Harmoniumbaumeister Daniel Heil vermitteln werden.
Stärker für alle Einwohner des westlichen Teils des Lautertals spürbar waren die Probleme an unseren Kirchenglocken. Thomas Heer, Mitarbeiter der Firma HEW - Herforder Elektromotorenwerke, die sich auf Glockentürme spezialisiert hat, ist ausgebildeter Elektroingenieur und Fernsehtechniker. Aber vor 30 Jahren fand er ein neues Berufsfeld: Kirchtürme und ihre Glocken mit den entsprechenden Schaltanlagen und Motoren. Das ist kein Beruf, den man erlernen kann, u.a. weil heutzutage die Sicherheitsvorschriften die Anwesenheit von Auszubildenden wie interessierten Auftraggebern auf den Kirchtürmen während der Arbeiten untersagen. Man muss Ausbildung und persönliche Disposition für die luftige Höhe der Arbeitsplätze schon mitbringen. Aber natürlich werden Monteure für Kirchenglocken händeringend gesucht! Das zeigte sich auch in unserem Fall: Bei der Routine-Kontrolle und Wartung der Glocken Ende September 2026, die er schon seit fast 20 Jahren durchführt, fiel Thomas Heer auf, dass sich die Aufhängung der Glocken an den Holzjochen gefährlich gelockert hatte. Die Holzjoche sind durch das neue Klima deutlich geschrumpft. Die Glocken hatten erhebliches Spiel. Sowas kann man beim Läuten der schweren Glocken gar nicht gebrauchen. Und es braucht mindestens zwei Monteure, um die großen Muttern und Gegenmuttern, die durch Züge die Glocken an den Jochen halten, zu lösen und dann neu festzuziehen. Das konnte bereits am 20. Oktober durchgeführt werden, sodass seitdem die Glocken auch wieder läuten.
Dabei berichtete Thomas Heer, dass auf sehr vielen Kirchentürmen genau dieses Problem auftritt und es gewissermaßen ein Glücksfall war, dass dies bei unserer Jahreswartung mit festgestellt wurde. Inzwischen melden sich ganze Bistümer bei der Firma HEW, damit ihnen auch bei diesen Folgen der Klimaveränderungen geholfen wird. Es zeigt sich, wie hoch jedes Engagement für eine Schonung der natürlichen Ressourcen und der Bewahrung von Gottes Schöpfung wert zu schätzen ist, und daß alles zur Verhinderung der weiteren Zerstörung unserer Lebensgrundlagen von uns selbst geleistet werden muss - damit auch in Zukunft wie gewohnt für alle unsere Glocken läuten.
Lupold von Lehsten